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Wieso tust du mir das an, Xing?

Wieso tust du mir das an, Xing?

Wir sind ja schon lange in einer festen Beziehung. Als du das Licht der Welt erblicktest, noch unter deinem Geburtsnamen OpenBC, wurde ich einer deiner treuesten Fans. Für jeden nachzulesen in meinen Profildetails: „Xing-Mitglied seit 9. Juni 2005“. Weil ich dich schon damals so super fand, wurde ich auch gleich Premium-Mitglied und bin es auch bis heute geblieben. 

Ich fand alles an dir toll: Dass ich mich mit meinen Berufskontakten vernetzen konnte – und vor allem auf dem Laufenden blieb, wenn sie das Unternehmen wechselten. Dass ich mich so mit Menschen aus anderen Branchen verbinden konnte, auf die ich sonst vielleicht gar nicht mehr gekommen wäre und dass in deinen Gruppen so ein toller Austausch stattfand. Die Gruppe „Akqusition und Neukundengewinnung“ oder auch „Gründer & Selbständige“ waren meine aktiven Gruppen, die es mir als junge Unternehmensgründerin angetan hatten. 

Ich habe so viel von anderen Mitgliedern gelernt und gelesen, gelesen, gelesen – und mich selbst auch entsprechend eingebracht. Nun bist du ja schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr allein auf der Welt in Deutschland. Mit Facebook eroberte seit 2005 eine Social Media-Plattform die Herzen der Menschen und 2009 kam LinkedIn als weiteres Online-Business-Netzwerk in Deutschland hinzu. 

Jetzt ist es ja nicht so, als wärest du in den 2000er-Jahren stehen geblieben, weiterentwickelt hast du dich ständig – nur leider oft an den Nutzern vorbei. Das ist zumindest mein Eindruck, gerade wenn ich mit anderen Kollegen und Unternehmern spreche. 

Was ich schmerzlich vermisse

Hier nur mal eine kleine Auswahl der Dinge, die mir fehlen: 

  • Die Statuszeile (auch: Profilspruch): Okay, viele Menschen haben sie einfach ganz statisch gelassen und ewig ein Zitat von Konfuzius gezeigt. Doch wer verstand, dass sich hierüber das persönliche Netzwerk kurz und knapp informieren ließ, nutzte sie so wie ich gern für kurze Infos zu neuen Artikeln, Vorträgen oder Terminen. Mit dem Relaunch vor ein paar Monaten verschwand die Statuszeile – ersatzlos. Ich trauere ihr heute noch hinterher. 

  • Ein Newsfeed, der den Namen verdient: Also so schön mit Bildern, Videos, Links, zum Liken, Kommentieren, Weiterteilen. So wie bei Facebook. Und vor allem auch so wie bei LinkedIn, das mittlerweile als „Facebook fürs Business“ betitelt wird. Da hast du mittlerweile aufgeholt, und ich kann Bilder, Videos, Links einbinden und liken, kommentieren und verteilen. Nur: Ich kann dann nicht auf die Kommentare antworten und in eine richtige Diskussion einsteigen, wie sich gut bei den Reaktionen auf diesen Artikel zeigen lässt: "Fachkräftemangel? Welcher Fachkräftemangel bitte?"
    Damit stehe ich wahrlich nicht allein: Eine spontane Umfrage in meinem Netzwerk zeigte den vielfach geäußerten Wunsch nach übersichtlicherem Layout, mehr Anregungen für Kommentare – kurz und knapp zusammengefasst von der Social Media-Managerin Stefanie Velten: „Die grafische Darstellung ist meines Erachtens das größte Problem.“ 

  • Publikationsmöglichkeiten: Wer mit seinem Magazin oder Blog bei dir in den XING News auftaucht oder für XING Klartext schreibt, bekommt eine riesige Leserschaft. Eine wunderbare Möglichkeit, ein Thema nach vorn zu bringen, denn gelesen wird beides (Ich hab´s erlebt!). Gatekeeper ist eine Redaktion, was den Zugang für „normale“ Nutzer erschwert. Das offene Blog, das du mit „XING Themen“ mal hattest, hast du recht schnell wieder aufgehört. LinkedIn geht den anderen Weg und bietet jedem die Möglichkeit, über die eigenen Themen zu schreiben. Wenn dann noch die Redaktion ein Auge drauf hat, umso besser – dann geht´s auch hier ab wie Schmitz` Katze. 

  • Wenig Internationalität: Während LinkedIn seinen Nutzern von Anfang an die Möglichkeit bot, ein Profil in mehreren Sprachen anzulegen, musste ich bei dir den wenig eleganten Weg gehen, mein Profil in mehreren Sprachen gleichzeitig auszufüllen. Kein Wunder, dass dir der Sprung über die (deutschsprachigen) Ländergrenzen nie gelungen ist – und mittlerweile haben dir sogar die deutschsprachigen Schweizer den Rücken zugekehrt. 
    Allerdings bist du ja auch immer für eine Überraschung gut: Mitte 2017 hast du mit InterNations ein großes Expat-Netzwerk gekauft - interessant wird sein, wie es sich ins Xing-Universum integrieren lässt.

  • Jobangebote, die zu mir passen: Es ist mir wirklich ein Rätsel, warum es dir bis heute nicht gelungen ist, deinen Algorithmus so zu programmieren, dass mich keine Praktikanten-Jobs mehr erreichen? Ich meine, mein Magister-Abschluss setzt schon Staub an! 

  • Kaum Anbindungsmöglichkeiten: Wer in Social Media-Anwendungen wie Hubspot oder Hootsuite nach einer Verbindung zu Xing sucht…, Pech gehabt, gibt´s nicht. Du bleibst halt lieber allein. Schade nur, dass das dann die Menschen noch weniger zum Interagieren bringt. Adressbuch, so nennen dich auch einige. 

  • Zahlreiche Angebote, die so kaum jemand braucht: Ich sage nur „Xing Business“. Nein, damit ist nicht meine Unternehmensseite gemeint, sondern ein Extra-Profil für Produkte und Dienstleistungen. Eigentlich eine gute Idee. Auch dass ich hier Anzeigen schalten kann, die ich sehr genau auf meine Zielgruppe zuschneiden kann, gefällt mir richtig gut. Doch warum liegt hier das kürzest-mögliche Abo bei 3 Monaten zu je knapp 200 Euro? Das motiviert nicht gerade zum Ausprobieren. Und auch, dass die Business-Seiten von den Unternehmensprofilen getrennt aufgesetzt werden, verstehe ich nicht. Wenn sich jetzt irgendjemand hier fragt: „Xing Business-Was?“ Kein Wunder, ich habe diese auch erst bei einem Xing-Seminar kennengelernt. 

  • Die Referenzen: Gut, das ist etwas, das uns Deutschen etwas fremd ist – wir vertrauen ja gern auf Zeugnisse mit Brief und Siegel. Trotzdem fand ich es eine gute Idee, als ihr wie bei LinkedIn Empfehlungen mit aufnahmt und sammelte fleißig. Bis sie sang- und klanglos wieder verschwanden. Bei LinkedIn drüben gibt es sie immer noch und spielen ins Ranking mit hinein.

Warum ich dir trotzdem treu bleibe

Wenn du jetzt meinst, ich ginge allzu hart mit dir ins Gericht, sei mir nicht gram. Es geschieht alles aus reiner Verzweiflung: Gerade, weil ich denke, dass du ganz wunderbare Seiten hast, und wir schon so lange miteinander verbunden sind, tut es mir so weh, wenn du dein ganzes Kapital verspielst. Aber vielleicht tue ich dir auch unrecht und du bist sehr zufrieden als Business-Adressbuch-Netzwerk für kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland und Österreich. 

Immerhin kommst du so ja auch auf 14 Millionen Mitglieder – LinkedIn nur auf 7,3 Millionen. Nur wenn die Menschen jetzt immer aktiver auf LinkedIn werden, dort Inhalte teilen und diskutieren, und sich zunehmend fragen: Zu welchem Netzwerk soll ich gehen? Dann ist die Antwort nicht mehr so eindeutig wie noch vor ein paar Jahren. 

Und noch etwas: Auch wenn LinkedIn seinen Unternehmenssitz im weit entfernten Kalifornien hat, ist es dennoch sehr aufmerksam, wenn über es geredet wird. Die Mitarbeiter mischen sich ein und fragen nach, so wie vor ein paar Monaten, als ich über die Unterschiede zwischen euch beiden schrieb. Von dir: Keine Nachricht, kein Retweet, kein Lebenszeichen. Anscheinend willst du nichts von mir wissen. 

Damit muss ich dann wohl leben😉 

Deine Ute Blindert

PS: Dieser Brief wurde zuerst auf Welt.de veröffentlicht und fand große Resonanz. Auch bei Xing übrigens: Ich ging in den intensiven Dialog mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen des Unternehmens. Mittlerweile sehe ich manche Punkte differenzierter. So hat zum Beispiel LinkedIn massive Probleme mit dem Datenschutz und Datenlecks gehabt, wo Xing mit aller Kraft versucht, die Daten seiner Mitglieder zu schützen. Auch die Xing Business Pages sind hoch interessant für den Bereich des Social Selling. Vielleicht hätte man es eleganter integrieren können, aber so ist es nun mal. 

Und ein kleiner Tipp zur Redaktion: Wenn du einen guten, lesenswerten Text hast, der Reichweite verdient, wende dich einfach an die Redaktion und frag nach. Die Leute dort sind sehr nett und können gut einschätzen, ob sich etwas für Klartext oder die Xing News eignet. 



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