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Ute Blindert

Netzwerken für Introvertierte – Interview mit Natalie Schnack

von Ute Blindert 16. November 2015
Netzwerken für Introvertierte – Interview mit Natalie Schnack

Natalie Schnack spielt Improtheater. Dass sie sich selbst als introvertierten Menschen bezeichnet nimmt man ihr erst einmal gar nicht ab, so herzlich und offen geht sie auf Menschen zu. Mit ihrem Buch „Leise überzeugen. Mehr Präsenz für Introvertierte. Der Ratgeber für Alltag und Beruf“ hilft sie Introvertierten, auf Augenhöhe zu kommunizieren und sichtbar zu werden. Da ich das Argument: „Ach, Netzwerken liegt mir nicht so, dafür bin ich zu zurückhaltend,“ sehr oft höre, freue ich mich sehr darauf, ein paar Tipps von Natalie einholen zu können.

Ute Blindert: Hallo Natalie, wenn ich übers Netzwerken spreche, höre ich von vielen Menschen das Argument: „Das liegt mir nicht. Dafür bin ich zu zurückhaltend.“ Was hältst du davon?

Ich nehme diese Aussage sehr ernst. Nicht zuletzt, weil ich selbst betroffen bin. Nur habe ich es gelernt, die Sache mit Vorbereitung anzugehen. Das heißt, ich nutze intensiv Social Media, wo man sich über einen längeren Zeitraum interessanten Menschen gut annähern kann. Wenn wir uns dann persönlich treffen, kann ich offen in den Kontakt gehen. Aber lass mich allein in einem Raum voller fremden Menschen, da bin ich verloren.

Da macht sich der Unterschied zwischen introvertiert und extrovertiert wirklich bemerkbar. Wir werden ja schon mit einem bestimmten Temperament geboren. Und am stärksten werden wir durch unsere Umwelt und unsere Erfahrungen mit anderen Menschen geprägt.

Wenn man schon von klein auf sich selbst genug ist und nur wenig Kontakt zu anderen braucht, um zufrieden und nicht gelangweilt zu sein, bekommt man ja auch oft Unverständnis gespiegelt. Unsere Gesellschaft ist nun mal auf das Miteinander und Gruppen ausgerichtet. Da fällt man dann schnell aus dem Rahmen, wenn man das nicht so mag, oft nachdenklich ist und viel Ruhe braucht.

Das ist natürlich ganz anders bei jemanden, der von Anfang an sehr aufgeweckt ist und viel Kontakt und Austausch mit anderen braucht, um Dinge zu entwickeln und zufrieden zu sein, also extrovertiert ist.

Netzwerken ist eine Fähigkeit, die man sich durch das ständige Üben über das ganze Leben aneignet. Jemand, der schon immer viel Kontakt zu anderen aufgenommen hat und sich es nicht anders vorstellen kann, ist da natürlich im Vorteil, wenn es darum geht, schnell mit Fremden eine Verbindung einzugehen. Ganz anders ist es für jemanden, der diese Erfahrungen so nicht machen konnte. Und auch die Notwendigkeit nicht so sieht.

Introvertierte brauchen ein starkes Warum

Das heißt, zurückhaltende Menschen haben vollkommen recht, wenn Sie sagen, dass sie das so nicht können. Für sie läuft Netzwerken nicht so, wie das überall propagiert wird, da es immer auf Extrovertierte bezogen ist. Introvertierte brauchen erst einmal ein wirklich starkes Warum – Sie müssen eine starke Motivation finden, um sich diese neuen Qualitäten anzueignen.

Wie arbeitest du mit den Menschen daran, sichtbarer zu werden?

Für mich ist das Wichtigste, dass die Menschen, die zu mir kommen, erkennen, dass sie nicht irgendwie „falsch“ oder „mängelbehaftet“ sind, wenn sie dem Ruf der Gesellschaft nach Exzellenz, Inszenierung, Verkaufs- und Selbstanpreisung nicht entsprechen (wollen).
Selbstakzeptanz ist eine der wichtigsten Aufgaben der Persönlichkeitsentwicklung, finde ich. Und dazu gehört, dass jeder Mensch weiß, was ihn ausmacht, wo er sich von anderen in seinem Umfeld unterscheidet und das als etwas Erfreuliches Wert schätzt, statt irgendjemand sein zu wollen, der man nicht ist.

Baustellen müssen bearbeitet werden

Und natürlich auch die eigenen Baustellen zu bearbeiten. Dazu gehören auch die Schwierigkeiten beim Netzwerken:

  1. Wir erarbeiten ein klares Ziel und die Motivation dazu (das Warum)
  2. Hier tauchen dann die Bedenken auf, warum das alles doch nicht geht. Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt. Also arbeiten wir daran, diese Bedenken aufzulösen.
  3. Dann werden konkrete Pläne gemacht, um das Ziel zu erreichen.
  4. Während der Umsetzungsphase tauchen oft weitere Unwegbarkeiten auf, die wir dann begleitend bearbeiten.

Würdest du dich selbst als introvertierten Menschen bezeichnen?

Ich habe sehr starke introvertierte Anteile. Zum Beispiel hasse ich Smalltalk und der Kontakt zu wildfremden Menschen ist für mich echt schwierig. Auch ermüde ich sehr schnell unter Menschen und brauche sehr viel Zeit für mich.

Andererseits gibt es auch eine kleine „Rampensau“ in mir, die ich durch das Improvisationstheater sehr gepflegt habe und die momentan in einem richtigen Aufschwung ist. Diese meine eigene Entwicklung zeigt, dass wir durchaus in der Lage sind, uns neue Qualitäten zu erobern, wenn wir Spaß daran haben. Aber wer mich wirklich kennt, unterschreibt sofort, dass ich introvertiert bin.

Was hat dir selbst geholfen?

Meine eigene Persönlichkeitsentwicklung im Sinne der Selbstakzeptanz. Ich arbeite seit Jahren intensiv an mir, mache sehr viel Selbsterfahrung und arbeite meine Vergangenheit stark auf. Das hilft mir, immer mehr in mir selbst zu ruhen. Und das wiederum lässt mich auf einer Augenhöhe anderen Menschen begegnen, immer und in jedem Kontext. Ich vergleiche mich auch nicht mehr mit anderen, schon gar nicht mit Menschen, die ganz andere Voraussetzungen mitbringen.

So weiß ich um meine Stärken, die ich gezielt ausspielen kann, wenn ich sie brauche. Und ich weiß genau, wo ich Schwächen habe. Entweder ich arbeite daran, wenn es mir wichtig ist, oder ich akzeptiere es so, denn ich muss nicht überall gleich gut sein. Auch habe ich kein Problem damit, das offen zu sagen, was nicht meins ist.

Das alles führt dazu, dass ich (meist) gelassen und souverän bin. Und was gibt es besseres für die Sichtbarkeit und Präsenz?

Welche weiteren Tipps hast du für meine Leser? Wird es zum Beispiel für Introvertierte leichter, die schon länger im Job sind und mehr Erfahrung mitbringen?

Natürlich kann es sehr gut sein, dass Erfahrung im Job dazu führt, dass man sich selbst besser einschätzt und besser weiß, was man braucht. Es kommt aber auf die Erfahrungen an, die man mit anderen Menschen macht und darauf, wie man sich im Kontakt mit anderen erlebt.

Mein grundsätzlicher Tipp ist daher, unabhängig davon, ob man ein Berufsanfänger oder schon ein „alter Hase“ ist: Lernen Sie das, was Sie sind, was Sie können und wie Sie Dinge machen Wert zu schätzen, statt auf andere zu schielen. Und setzen Sie genau das gezielt ein.

Und wenn es um das Netzwerken geht: Suchen Sie Ihren eigenen Weg. Introvertierte brauchen nun mal mehr Angang und Vorbereitung. Deswegen lassen Sie sich bitte nicht verrückt machen von Sprüchen wie „Gehe nie alleine essen“ oder so. Finden Sie Ihr eigenes Warum und Ihre eigene Dosis, weil nur Sie selbst das Maß der Dinge sind. Und gestalten Sie das Netzwerken so, dass Sie Spaß daran haben!

Buchcover Leise ueberzeugen

Buchcover Leise ueberzeugen

Natalie Schnack: „Leise überzeugen. Mehr Präsenz für Introvertierte. Der Ratgeber für Alltag und Beruf.“ Humboldt Verlag 2014, ISBN 978-3869105000, Euro 19,99.

Hier geht es zur Website von Natalie Schnacknatalieschnack.de/

Disclaimer: Natalie und ich kennen und schätzen uns schon länger aus dem beruflichen Kontext. Wir netzwerken also, wenn auch der Small-talk meiner Meinung nach zu kurz kommt;-)

1 Kommentar

  • Danke für diesen tollen Artikel, mir war bis dato gar nicht klar, dass ich beim Netzwerken auch immer viel Zeit in die Vorbereitung stecke und eigentlich immer die Person zunächst virtuell kennenlerne, bevor es zu einem Treffen kommt.
    Als introvertierter Mensch versuche ich mir vor Augen zu halten, dass ich sehr gut darin bin Einzelgespräche zu führen, was ja oft beim Netzwerken der Fall ist. Fragen zu stellen liegt in meinem Naturell, deshalb überlege ich mir immer gut vorher, was ich fragen will.

Was denkst du?

2016 UTE BLINDERT, KÖLN.

Ute Blindert

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