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Ute Blindert

Erinnern Sie sich noch an den Geruch von Briefen?*

von Ute Blindert 03. März 2016
Erinnern Sie sich noch an den Geruch von Briefen?*

Immer wenn ein neues Jahr anbricht, erwacht in mir der Drang, aufzuräumen. Gründlich und grundsätzlich, quasi wie eine Geisteraustreibung, die wieder Platz für Neues schafft. In diesem Jahr treibt es mich in den Keller. Während ich also Kiste nach Kiste sortiere, Möbel rücke, Sperrmüll sammle und dabei langsam einstaube, fällt mir irgendwann eine Kiste mit Briefen und Tagebüchern in die Hände.

Eine Kiste? Ach was, in zwei großen Kisten stapeln sich Schuhkartons mit Briefen, sortiert nach Brieffreunden, Auslandsaufenthalten, Liebeleien – und ganz großen Lieben. Dazwischen liegen meine Tagebücher, teils in Leder gebunden (Geschenke von meiner Oma), teils Chinakladden, teils selbst bemalte und eingebundene Büchlein.

Jeder Brief steckt noch in seinem Umschlag. So sehe ich jetzt, an welchen Orten ich unterwegs war und an welchen Ecken von Deutschland ich damals wohnte. Mal ist eine Schrift groß, schnörkelig und gut zu lesen. Dann wieder klein und kritzelig und kaum zu entziffern. Das Papier mal ökologisch korrekt aus Umweltschutzpapier, dann wieder abgerissene gelbe Blätter von einem „Legal pad“. Zu jedem Brief weiß ich zumindest eine kleine Geschichte, und immer fällt mir etwas zu seinem Verfasser ein. Und ich weiß, dass ich mich über jeden einzelnen Brief gefreut habe. Es gab ja nicht so viele.

Über die literarische Qualität dieser Ergüsse müssen wir nicht streiten. Eine zarte Röte steigt mir in die Wangen, als ich lese, was P. und ich uns 1990 schrieben. Und was ich dazu dann wiederum in meinem Tagebuch über P. notierte. Ich finde aber auch die 15 (!) Seiten langen Briefe von H., den ich bei einer Reise nach Island kennen gelernt hatte. Eine meiner großen Lieben!

Als ich erwachsen wurde, gab es noch kein Internet. Meine erste E-Mail schrieb ich 1997 bei einem Studienaufenthalt in Beirut. Wie toll! Keine Briefe mehr, die mit Diplomatenpost einen Monat vom Libanon nach Deutschland brauchten, endlich keine Telefonkosten mehr, die ein kleines Vermögen verschlangen.

Meine Tochter dagegen ist schon ganz ohne Briefe groß geworden. Sie und ihre Freundinnen schreiben sich noch nicht einmal mehr E-Mails, alles läuft bei ihnen per WhatsApp, meist kommunizieren sie in Echtzeit. Auch internationale Kontakte zu behalten und im Gespräch zu bleiben, fällt ihr viel leichter als mir in ihrem Alter. Facebook hätte ich mir zu meinen Studienzeiten in den 90-ern auch gewünscht. Stattdessen habe ich den Kontakt zu vielen Menschen verloren, die ich mal auf Reisen kennen lernte – nach zwei, drei Briefen war oft Schluss mit dem Schreiben.

Ein Leben ohne E-Mail, Videotelefonie und -konferenzen, Chat und all die anderen Formen digitaler Kommunikation möchte ich nicht missen. Das macht unser Leben oft leichter und die Kommunikationswege schneller.

Aber dass ich in den Keller steigen kann und in Kisten mit der Aufschrift „Liebesbriefe“ wühlen kann, darum beneide ich mich.

*Dieser Beitrag wurde als erstes in meiner regelmäßigen Kolumne bei Bilanz.de veröffentlicht.

Briefe. Bild: Gortincoiel/photocase.de

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2016 UTE BLINDERT, KÖLN.

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