"Ohne Netzwerk bist du als "Jobseeker" in Deutschland aufgeschmissen!" Chris Pyak im Interview [022]

Stell´ dir vor, du hast einen Abschluss einer "Ivy League"-Uni in der Tasche und kein Arbeitgeber in Deutschland möchte dich einstellen? Kann man sich eigentlich nicht ausdenken, oder? Chris Pyak, Berater und Gründer von ImmigrantSpirit begegnet so etwas immer wieder. Er hilft erfahrenen Fach- und Führungskräften, die in Deutschland auf Jobsuche sind, den passenden Arbeitgeber zu finden. 

Wie wichtig ein persönliches Netzwerk vor Ort ist und was Arbeitgeber tun können, um richtig gute Mitarbeiterinnen zu finden, erklärt Chris im Interview. 

Shoutout:


Interview: 

Ute Blindert: Heute habe ich Chris Pyak von Immigrant Spirit zu Gast in meinem Podcast. Herzlich willkommen, Chris!

Chris Pyak: Hallo Ute!

Ute Blindert: Schön, dass du heute dabei bist. Chris ist Coach, Berater und sorgt mit seinem Unternehmen Immigrant Spirit dafür, dass Menschen, die in Deutschland arbeiten möchten, hier auch einen Job finden. 

Chris Pyak: Genau. Ich stelle internationale Fachkräfte deutschen Managern vor und helfe beiden, dass sie sich gegenseitig helfen können. 

Ute Blindert: Wenn wir uns zunächst auf das Thema Netzwerken konzentrieren, lautet  eine der wichtigen Fragen: Was gibst du den Jobsuchenden, den "Jobseekers", die nach Deutschland kommen wollen, für Tipps für ihr Netzwerken?

Chris Pyak: Ich gebe gern ein Beispiel, wie wichtig Netzwerken für die Karriere ist. Die Menschen, mit denen ich arbeite, sind alle hervorragend ausgebildet, zum Teil mit Abschlüssen von Ivy League Universitäten*. Wenn sie nach Deutschland kommen, haben Sie natürlich kein Netzwerk hier. Das führt dazu, dass Leute, die in Cambridge studiert haben, in Berkeley oder der London School of Economics, 50, 100, 150 Bewerbungen schreiben, ohne auch nur ein Interview zu bekommen.

Ute Blindert: Ach, du meine Güte.

"Ohne Netzwerk kein Job in Germany!"

Chris Pyak: Ohne Netzwerk kein Job in Germany.

Ute Blindert: Du musst ihnen also erst einmal den Zahn ziehen, dass es hier sofort funktioniert, nur weil man den Stempel einer Ivy League Hochschule auf seinem Abschluss hat?

Chris Pyak: Wenn meine Kunden zu mir kommen, dann ist denen dieser Zahn durch die tägliche Erfahrung schon gezogen worden. Die sind es eigentlich gewöhnt, dass Headhunter sie anrufen und ihnen einen Job anbieten - und in Deutschland laufen sie vor Wände. 

Ich glaube, das ist uns gar nicht so bewusst, wie sehr wir selber durch dieses Netzwerk getragen werden. Erst wenn man das mal wegnimmt, merkt man auf einmal: Ohne mein Netzwerk bin ich gar nichts.

Ute Blindert: Dabei bedeutet ein Studium an einer Ivy League-Hochschule eigentlich, dass du dir ein hervorragendes Netzwerk aufbaust. 

Chris Pyak: Das ist das, wofür du bezahlst. Du bezahlst nicht für die Ausbildung, die du da bekommst.

Ute Blindert: Aber was kann ich dann konkret machen - wie baue ich mir denn dann mein Netzwerk hier auf? Es ist ja nicht so leicht, sich ein neues Netzwerk in einem fremden Land aufzubauen. Also muss ich ganz schön viel Arbeit, Zeit und Gehirnschmalz reinstecken...

Chris Pyak: Absolut. Völlig richtig. 

Das Problem ist, dass du selber limitiert bist, wie viel du machen kannst. Denn Netzwerk bedeutet ja, dass jemand an einem Ende ist und jemand am anderen Ende - und dazwischen gibt es eine Verbindung. Diese Verbindung kann aber nur entstehen, wenn die Person am anderen Ende auch mitmacht. 

Da tun wir Deutschen uns nicht besonders hervor. Wir sehen uns selber als weltoffenes und freundliches Land, aber wenn man internationale Fachkräfte fragt, in Studien, auch in globalen Studien, wird Deutschland als eines der unfreundlichsten Länder der Welt bewertet. 

Bei der weltweiten Befragung von Internations von internationalen Fachkräften kommt Deutschland regelmäßig auf Platz 57. Länder wie Kasachstan oder Dubai werden als deutlich freundlicher bewertet als wir. Das macht es wirklich sehr schwer, hier voranzukommen.

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Ute Blindert: Wie sollte ich denn am besten vorgehen?

Chris Pyak: Wenn man ganz alleine ist, dann ist es wirklich extrem schwer, hier überhaupt anzufangen. Man braucht schon jemanden aus der lokalen Bevölkerung, der bereit ist zu sagen: „Hey, hör´ mal, ich stell dir mal ein paar Leute vor“. 

Selbst wenn man eine wirklich hervorragende Ausbildung hat und einen super Track-Record, kommt man allein nicht viel weiter. Weil wir alle auch gern dazu tendieren, Menschen sofort in eine Schublade zu stecken.

Vor unserem Gespräch hatte ich einen Coaching Call mit einem sehr erfahrenen Consultant aus Texas, der für Weltkonzerne gearbeitet hat, und jetzt wegen seiner Frau nach München gezogen ist. Er erzählte mir von seinen Erfahrungen und durch seine Frau hat er natürlich schon erste Kontakte zu Menschen hier in Deutschland. Sein Problem: Wenn man ihn fragt: „Was machst du hier in Deutschland?“, und er erzählt, dass seine Frau hier einen Job gefunden hat und er halt mitgekommen ist. In dem Moment, so sagte er, sei er nur noch "The other Partner", so wie die Ehefrau aus den Fünfzigern. Aus dieser Schublade kommt er nicht mehr raus, weil die Leute nicht ihn sehen als Individuum mit eigenen Fähigkeiten, mit eigenen Erfolgen im Berufsleben, sondern er ist dann nur der mitreisende Partner. Das kann man am einfachsten überwinden, indem man zuerst jemanden findet, der einen in einem anderen Kontext vorstellt.

Ute Blindert: Am besten ist es also, wenn ich die ersten Schritte allein gehe... 

Chris Pyak: Oder man nimmt sich Hilfe, so wie ich sie anbiete. Denn du kannst kein Netzwerk aufbauen, wenn die andere Seite kein Interesse hat. Mein Aufruf an dieser Stelle: Wenn jemand auf uns zukommt, sollten wir überlegen, in welcher Situation steckt diese Person und kann ich ihr vielleicht helfen? Denn natürlich habe ich auch unterschiedliche Herausforderungen, wenn ich kein weißer Mann bin, der in Deutschland aufgewachsen ist, sondern jemand, der aus der Fremde zu uns kommt. Oder eine Frau, ein älterer Arbeitnehmer - da kann die gleiche Situation sehr unterschiedliche Resultate haben.

Ute Blindert: Es hilft also, sich beraten zu lassen. Wo siehst du die ersten Anknüpfungspunkte? Wäre das zum Beispiel jemand, der bereits als Texaner oder Texanerin schon länger hier in Deutschland arbeitet?

Chris Pyak: Genau. Du stellst wirklich gute Fragen, die regen mich dazu an, ganz neu über manche Dinge nachzudenken. Was die Leute wirklich brauchen, ist nicht so sehr meine Beratung, sondern ein Anknüpfungspunkt. Jemand, der die Tür öffnet in einem Markt. Das muss nicht nur ich sein, das kann irgendjemand sein, der sagt „Hey, hör mal, ich bin offen, und ich gehe auf dich zu“. Du schlägst vor: Suche dir doch Leute, mit denen du schon Anknüpfungspunkte hast. Als Texaner finde andere Texaner.

Ute Blindert: Oder US-Amerikaner zum Beispiel.

Chris Pyak: Genau. Jetzt denke mal darüber nach, was im nächsten Schritt kommt. Als Texaner, als Amerikaner suche ich Amerikaner, als Spanier suche ich andere Spanier, als Türke suche ich andere Türken. Dann beklagen wir uns über Parallelgesellschaften.

Ute Blindert: Ich dachte jetzt mehr an die International Community, die es ja in vielen großen Städten gibt. Die ist meistens geprägt von vielleicht Englischsprachigen, aber vielleicht auch Leuten aus Südamerika, aus Russland, Asien und so weiter. Das heißt, dann kann du einfach mal fragen: "Hey, kannst du mir ein paar Sachen erklären, ich bin noch nicht so lange in Deutschland." 

Chris Pyak: So läuft das auch in der Praxis. Das Problem ist halt bei dieser Geschichte …

Ute Blindert: Wenn du nur in diesen Netzwerken bleibst?

Du kannst nur dann aus deiner Ingroup rauskommen und dich integrieren, wenn die aufnehmende Gesellschaft das auch zulässt. 

Chris Pyak: Nicht so sehr, wenn du dabei bleibst, denn es sind ja Leute, die wollen Anschluss finden. Aber wenn die umgebende Gesellschaft das nicht möglich macht. Du kannst nur dann aus deiner Ingroup rauskommen und dich integrieren, wenn die aufnehmende Gesellschaft das auch zulässt. Ich kann nicht auf Leute zustürmen und sagen: „Hey, du bist jetzt mein Freund, willst du mein Freund sein?“ Das funktioniert nicht.

Ute Blindert: Ich verstehe dich so, dass es für den Start okay ist, sich ein Netzwerk anderer Expats zu suchen, die einem ein paar Dinge erklären können. Deine Anregung wäre aber, nicht allein in dieser Gruppe zu bleiben und Anschluss an die Leute hier zu suchen. 

Chris Pyak: Was ich eigentlich sagen will: Es ist super hart, aus dieser Gruppe herauszukommen. Respekt vor der Leistung all jener, die sich hier über Jahre durchgebissen haben.

Ute Blindert: Ist es deiner Erfahrung nach in großen Städten oder auf dem Land leichter? Auf dem Land ist man vielleicht nicht so mit seiner Community verhaftet, sondern spielt mit Fußball oder Basketball und dann klappt es über diesen Weg... 

Chris Pyak: Ich habe 5 Jahre lang in Estland gelebt und die ersten 2 Jahre konnte ich kein Wort Estnisch. Was auch daran lag, dass es eine super komplizierte Sprache ist mit 15 verschiedenen Fälle und nur irregulären Verben. Zum zweiten war ich am Anfang nicht sicher, ob ich überhaupt bleiben wollte. 

Das hat sich in dem Moment dramatisch geändert, als zwei Dinge passiert sind. Das erste war, dass ich mich entschieden habe, mich wohl zu fühlen, dass ich gern bleiben will. Dann habe ich auch angefangen, die Sprache zu lernen. Das zweite war, dass ich zu der Zeit in einem ganz kleinen Ort gelebt habe, wo praktisch nur alte Leute lebten. Das heißt, ich konnte entweder Estnisch sprechen, oder ich konnte gar nicht sprechen. Dann lernt man eine Sprache sehr schnell. Gut, das meiste, was man lernt, ist, warum einen die Enkelkinder nicht anrufen, wie sehr einem der Rücken wehtut und dass man wieder zum Arzt muss. Das kommt dann vom Umgang mit den alten Leuten. Die Sprache lernt man trotzdem sehr schnell. 

Ute Blindert: Wir haben jetzt über das Netzwerken von Mensch zu Mensch gesprochen. Letzten Endes ist es immer von Mensch zu Mensch. Ich würde gern den Schwenk zu den digitalen Netzwerken hinbekommen. Was empfiehlst du deinen Kunden? Viele, Amerikaner zum Beispiel, sind sicher bei Facebook oder LinkedIn. Empfiehlst du ihnen, sich auch bei Xing ein Profil anzulegen? 

Chris Pyak: Das ist natürlich der erste Schritt. In Deutschland ist Xing immer noch wesentlich wichtiger als LinkedIn. 

Aber was wirklich den wesentlichen Unterschied macht, ist die Qualität der Verbindungen. Im Angloamerikanischen verknüpft man sich wild mit Leuten. Jede Kontaktanfrage wird angenommen. Wenn man dann aber mal wirklich etwas braucht, merkt man sehr schnell, was ein Kontakt wert ist. Was ist es wert, wenn ich 800 Kontakte auf Facebook habe, LinkedIn oder Xing - und in Wirklichkeit kenne ich keinen einzigen dieser Menschen? 

Ich persönlich kriege einen Haufen Kontaktanfragen. Die Anfragen, die ohne Nachricht kommen, ignoriere ich komplett. Die Kontaktanfragen, die mit Nachricht kommen, kriegen zumindest eine kurze Antwort von mir, aber mit denen verbinde ich mich nicht. Es sei denn, sie wurden mir von Firmen empfohlen. 

Ich verbinde mich eigentlich nur mit Leuten, mit denen ich irgendeine Art von Beziehung habe. Geschäftspartner, politische Freunde, das Mindeste, dass ich jemanden schon mal irgendwo auf einem Event gesehen habe und wir schon mal die Hände geschüttelt haben. Denn nur auf diese Leute kann ich irgendwann zugehen und fragen: "Kannst du mir einen Gefallen tun?"

Das ist eine Sache, die ich einerseits Einwanderern aus dem angloamerikanischen Raum oft erst vermitteln muss, und auch vielen Deutschen, die ein bisschen jünger sind. Dass es einen Qualitätsunterschied macht, wenn du wirklich mal auf jemanden zugehen willst. Wenn du ihn überhaupt nicht kennst, dann ignoriert er dich. Ist doch klar. 

Beim Netzwerken geht es im ersten Schritt ja erst einmal um Vertrauen.

Ute Blindert: Mit diesem Vertrauen habe ich dann ein wirkliches Netz, ... 

Chris Pyak: ...das einen trägt.

Ute Blindert: Kommen wir zu einem Punkt, der dir sehr wichtig ist. Du hast es vorhin im Vorgespräch angesprochen. Was gibt uns heute Sicherheit?

Was uns heute wirklich Sicherheit gibt, ist nur das Netzwerk, das wir haben.

Chris Pyak: Als ich jung war, zählte deine Herkunft, im Lebenslauf stand noch, was dein Vater und deine Mutter beruflich gemacht haben, und da zählten Zertifikate. Das hat dir Sicherheit gegeben. Du hast einen Vertrag gehabt, und das gab dir Sicherheit. 

Diese Zeiten sind vorbei. 

Auch in Zukunft, im Hinblick auf unsere berufliche Zukunft und später auch auf die Rente: Was uns heute wirklich Sicherheit gibt, ist nur das Netzwerk, das wir haben. Ich habe das am eigenen Leib erfahren, als ich am Mittelmeer lebte. Ich bin Opfer von Verbrechern geworden, die mich über Monate terrorisiert haben. Zu dem Zeitpunkt habe ich ein gutes Leben geführt, hatte Geld - sonst wäre ich auch nicht das Ziel dieser Verbrecher geworden. Da habe ich gemerkt, wie völlig hilflos man ist trotz Geld, trotz guter Verbindungen, trotz vieler Möglichkeiten, wenn man kein Netzwerk hat. Weil du niemanden hast, der sich für dich einsetzt. Ein Rechtsanwalt, der nur das absolute Minimum tut, eine Polizei in Zypern, der völlig egal ist, was passiert. Der Polizei in Deutschland, der du dann erklären musst, wie sie die Täter identifizieren kann und wo man bei Skype Kontakt zur Polizeistelle in Zypern bekommt, damit man Daten ziehen kann und nobody cares

Das hat mir echt knallhart vor Augen geführt, wie schutzlos du ohne Netzwerk von Freunden bist, die sich im Zweifel für dich einsetzen. 

Wenn du umgekehrt ein starkes Netzwerk im beruflichen Umfeld hast, fällst du immer auf deine Füße. Selbst wenn deine ursprüngliche Ausbildung nicht mehr so gefragt ist, hast du über das Netzwerk die Möglichkeit herauszufinden, was in Unternehmen wirklich vorgeht und wo wirklich der Schuh drückt, was sie nachts wach hält. Wenn du herausfinden kannst, welches Problem in Unternehmen wirklich wichtig ist, kannst du auch herausfinden, wie du dieses Problem lösen kannst. Wenn du das Problem lösen kannst, ist es nicht so wichtig, ob deine Ausbildung in diesem Feld war oder wie alt du bist oder welche Sprache du sprichst, sondern allein: „Hey, ich habe ein großes Problem und der oder die kann mein Problem lösen“.

Ute Blindert: 'Wir haben es ja schon bei manchen Branchen erlebt, wie sich diese komplett gewandelt haben. Die Medienbranche ist so ein Beispiel und jetzt sind als nächstest die Banken oder Versicherungen dran. Und gerade da arbeiten ja oft sehr sicherheitsorientierte Menschen. Wenn ich dann sage: "Nur dein Netzwerk kann dir Sicherheit geben!", ist das oft ein Schock.  

Chris Pyak: Genau. Es ist ja nicht die Frage, ob mein Job so bestehen bleiben wird - diese Frage lässt sich leicht beantworten: Wird er nicht. 

Ich arbeite jetzt gerade mit einem Manager, der selber Ingenieur und spezialisiert auf Digitalisierung in der Landwirtschaft ist. Es gibt wirklich mittlerweile vollautomatische Ställe, wo die Kühe selber gehen, sich von einem Automaten melken lassen, das wird digital erfasst und dann gehen die Kühe wieder auf die Weide. Hätte ich nie gewusst.

Ute Blindert: Ja. Das gibt’s auch schon etwas länger. Da kommen jetzt auch selbstfahrende Traktoren und viele weitere Entwicklungen. Du hast vollkommen recht. Diese Sicherheit gibt es nicht mehr. Da kann nur ein gutes Netzwerk helfen. Da sind wir beide total d‘accord.

Chris Pyak: Das Netzwerk als Informationsmaschine wird oft unterschätzt. Denn hier lassen sich ja die größten Probleme von Menschen identifizieren. Wenn du ein großes Problem finden kannst, dann hast du einen potenziellen Markt, womit du dir einen Lebensunterhalt verdienen kannst.

Ute Blindert: Du hattest vorhin eine Sache angesprochen, einen dritten Punkt, warum es so wichtig ist, ein gutes Netzwerk zu haben. 

Chris Pyak: Wenn du dir Managerpositionen anschaust, wird dein Netzwerk meiner Meinung nach einen Teil deines Gehalts ausmachen wird. Mehr und mehr Unternehmen schauen nicht nur, was du selbst zu dem Unternehmen beitragen kannst, sondern auch, wie groß deine Fähigkeit als Führungspersönlichkeit ist, Talente für ein Unternehmen anzuziehen? 

Das heißt in den nächsten zehn Jahren verschwinden die Großstädte Berlin, München, Köln und Stuttgart. 

Wen kennst du sonst noch, den du in unser Unternehmen reinholen kannst? Der Fachkräftemangel wird sich in den nächsten 5 Jahren dramatisch verschärfen, da erst dann die ganzen Babyboomer in Rente gehen. Das macht man sich noch nicht so klar. Aber die Babyboomer sind doppelt so groß wie die Generation Y, die jetzt in den Arbeitsmarkt kommt. Das heißt in den nächsten zehn Jahren verschwinden die Großstädte Berlin, München, Köln und Stuttgart. Das Äquivalent dieser Bevölkerung verschwindet aus dem Arbeitsmarkt, ohne dass da junge Menschen als Ersatz da sind.

Ute Blindert: Also brauchen Unternehmen (Arbeitgeber-)Markenbotschafter

Chris Pyak: Genau. Es gibt viel weniger Fachkräfte, die du akquirieren kannst. Du brauchst  jemanden, der echt weit vernetzt ist. Die Fachkräfte können sich ihre Jobs mehr und mehr aussuchen. 

Ich habe gestern eine ganze Reihe Coaching Calls gehabt, und zwischendurch ruft mich irgendjemand an, um mir irgendwelche Google Werbung zu verkaufen. Der hat den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da habe ich schon aufgelegt. Aber wenn jetzt ein Bekannter von mir kommen würde und würde sagen „Hey, hör mal, wir haben hier was ausprobiert, dir hilft deine Werbung bei Google viel besser zu targeten“. Der im Grunde genommen genau das Gleiche sagt wie der Telemarketer. Dem würde ich zuhören. Was ist da anders?

Ute Blindert: Du kennst den.

Chris Pyak: Eben. Das Netzwerk.

Ute Blindert: In Unternehmen wird das Thema ja zunehmend angegangen. Wer sind meine Role Models im Unternehmen? Wer sind so die, die für die Arbeitgebermarke stehen können? Ich habe den Eindruck, dass die Menschen, die das tun könnten, es sich manchmal noch nicht zutrauen. Es gibt ein paar Leuchttürme, die man da immer wieder sieht, aber so die große Masse, die hat das noch nicht begriffen. 

Ich merke das zum Beispiel immer, wenn es um Recruiting-Themen geht. Dass zum Beispiel einfach jeder Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen mit einem Xing-Profil vertreten ist - zumindest aber die Personalmitarbeiter. Diese Profile lassen sich ja sehr leicht nutzen, um auf offene Stellen aufmerksam zu machen. Ich sage noch: Geht in Kontakt mit den Leuten, seid nicht so verschlossen. Das ist auch was, was du beobachtest. Du hast auch so einen Wunsch an die Leute, mit denen du dann auf Unternehmensseite arbeitest.

Chris Pyak: Ja, genau. Die Manager hinter den Jobs sollten transparenter werden. Bei jedem Job geht es letztendlich darum, ein Problem zu lösen. Jede Position soll irgendein Problem lösen. Der erste Punkt, wo ich mein Netzwerk nutzen würde, ist, das Problem transparent zu machen. Zu sagen, hör mal, das ist, was ich hier in erster Linie erreichen will und aus diesem und jenem Grund ist mir das besonders wichtig. Dann zugänglich zu sein. 

Ich merke das bei den Menschen, mit denen ich arbeite. Gerade die Leute, die am besten qualifiziert sind für einen Job, haben keine Lust, sich durch den normalen Bewerbungsprozess zu wuseln. Die haben das auch oft gar nicht nötig. Es sei denn, die kommen jetzt ausgerechnet aus dem Ausland nach Deutschland. Normalerweise werden sie angesprochen. 

Diese Leute - und das ist nebenbei bemerkt vielleicht auch ein Tipp für Unternehmen, die es sich nicht leisten können, die höchsten Gehälter zu zahlen, - wenn du ein interessantes Problem hast, das du lösen willst, dann kannst du für die begabtesten und die selbst motiviertesten Leute sehr attraktiv werden. Du musst nur bereit sein, dein Problem mit diesen Leuten zu teilen. 

Ute Blindert: Damit machst du das Ganze zu etwas, das über das Gehalt hinausgeht. Wenn du dich auf bestimmten Arbeitsleveln bewegst, kannst du auch in München super leben. Letzten Endes sind dir dann die paar tausend Euro auch ein bisschen egal. Du willst dich dann mit Dingen beschäftigen, die interessant sind, die Spaß machen. Du musst nicht mehr 17.000 Mal um die Welt fliegen.

Chris Pyak: Genau. Was ist der Hauptgrund, warum Leute kündigen? Das ist der Manager. Wenn du einen guten Manager hast, dann stelle den ins Limelight, ins Spotlicht.

Ute Blindert: Du hast doch mal gesagt, du wünscht dir ein bisschen mehr Mut von den HR-Leuten. Inwiefern?

Chris Pyak: Ich wünsche mir generell immer mehr Mut. Ich wünsche mir manchmal mehr Widerspruchsgeist bei den HR-Leuten. Ich weiß, die haben sehr viel zu tun und ihre Abteilungsleiter sind nicht so kooperativ, wenn es darum geht, sich mal hinzusetzen und sich zu überlegen, was will ich denn eigentlich erreichen. Da kommt oft: „Ich brauche da jemand, finde mir jemanden. Mach hin!“ 

Da muss man als HR-Manager meiner Ansicht nach eine Entscheidung treffen, wer man sein will. Ob man ein Erfüllungsgehilfe sein will oder ob man ein Profi sein will.

Da muss man als HR-Manager meiner Ansicht nach eine Entscheidung treffen, wer man sein will. Ob man ein Erfüllungsgehilfe sein will oder ob man ein Profi sein will. Ich frage mich immer und ich meine das nicht böse, sondern ich frage mich das wirklich: Wenn ich ein Schiedsrichter wäre bei einem Fußballspiel und ich weiß nicht, dass es beim Fußballspielen ums Toreschießen geht, wie soll ich dann die Spieler bewerten? 

Wenn ich als Personaler eine Stelle besetzen soll und ich kenne nur die Skills, aber ich weiß nicht, welches Resultat mit dieser Position erreicht werden soll? Wie wird da Erfolg definiert? Wie soll ich dann bewerten, welche Leute ich einlade? Das kann einem nur der Departement-Head sagen oder die Leute, die an dieser Aufgabe wirklich arbeiten. Die muss man wirklich fragen. Klar, die haben andere Sachen zu tun, die haben da keine Lust zu. 

Aber wenn der Department-Head gute Leute haben will, muss man darauf bestehen, sich mal eine Stunde hinzusetzen und Erfolg definieren. Messbar und konkret, wie sieht Erfolg aus?

Ich mache das regelmäßig: Ich lade Manager in den Immigrant Spirit Podcast, wo ich mit denen genau darüber rede: "Was ist das größte Problem, das du lösen willst? Wie definierst du Erfolg? Was muss jemand erreicht haben, wenn der ein Jahr bei dir gearbeitet hat, am Ende des Jahres? Wo muss der stehen, damit du denkst, das war ein guter Hire? Denk an die besten Leute, mit denen du je gearbeitet hast und die ranke die mal vom Besten zum Schlechtesten. Was haben die besten anders gemacht als der Durchschnitt, die müssen ja irgendwas anderes gemacht haben, sonst wären sie nicht die besten." 

Da muss man sich einmal hinsetzen und das definieren und dann kommen jedes Mal, also bei jedem Gespräch, das ich bisher gehabt habe, kommen ganz andere Kriterien raus als in der Stellenbeschreibung stehen.

Ute Blindert: Mit Zeugnissen hat das nicht viel zu tun?

Chris Pyak: Natürlich nicht.

Ute Blindert: Ich sehe schon, wir könnten da noch lange drüber reden, was gesucht und verlangt wird und was sich da ändern muss. Ich fasse noch einmal zusammen: Es braucht mehr Mut und einen Blick dahinter, ein von hinten gedachtes Herangehen an die Personalsuche. Kurz, ein Denken über Zeugnisse und die Sachen, die wir Deutschen so lieben, hinaus. Wir schätzen die ja total, was aber im Ausland ganz anders gesehen wird.

Chris Pyak: Was ist denn, wenn wir mal ganz ehrlich sind, die Funktion von den ganzen Zeugnissen?

Ute Blindert: Die Sicherheit. Wir lieben Sicherheit.

Chris Pyak: Weil wir nicht wissen, wonach wir wirklich suchen, müssen wir irgendwelche anderen Kriterien haben. Da hilft halt das Zeugnis. Das Zeugnis ist ein Beweis, ein Beweis, dass wir nichts falsch gemacht haben. Das hat nichts zu tun mit der Qualifikation für den Job, ist nur der Beweis: Wir haben nichts falsch gemacht.

[...]

Ich mache mir wieder viele Freunde.

Ute Blindert: Nein, du sprichst da genau die wichtigen Aspekte an. Im Grunde werden die Unternehmen, die sich da nicht umstellen und neu an die Personalsuche herangehen, einfach nicht mehr die richtigen Leute finden. Sie werden einfach hinten herüber fallen. 

Chris Pyak: Absolut.

Ute Blindert: Ich fasse mal zusammen, was du zum Thema Netzwerken gesagt hast, besonders für die Menschen, die nach Deutschland kommen: 
  • Ohne Netzwerk bist du nichts. Du brauchst ein Netzwerk, das dich trägt. Egal, an welchem Punkt der Karriere du stehst. Geh den ersten Schritt, fange wenigstens an jetzt. Jetzt, heute, in dieser Sekunde. 
  • Ein Netzwerk gibt dir Sicherheit in der sich wandelnden Wirtschaft, Gesellschaft. 
  • Das Netzwerk wird immer wichtiger, weil es praktisch ein Asset ist, was du mitbringen kannst für deinen Job, warum du überhaupt interessant bist für jemanden und damit auch für einen Arbeitgeber.

Chris Pyak: Genau.

Ute Blindert: Magst du dein Buch noch kurz vorstellen?

Chris Pyak: Das Buch gibt es bei Amazon, heißt „How to win Jobs and influence Germans“. Das ist eine Anspielung auf Dale Carnegie’s berühmtes Buch „Wie man Freunde gewinnt“. Das heißt im Englischen nämlich im Original „How to win Friends and influence Peope“. In meinem Buch geht es um „How to win Jobs and Influence Germans“. 

Geschrieben ist es einmal für Arbeitgeber, die eine neue Quelle für hochbegabte Leute finden wollen. Aber auch vielleicht für jeden von uns, der nicht so in das DIN-A4-Förmchen reinpasst. Die Leute, die zu jung sind, noch keine Berufserfahrung haben, die Leute, die zu alt sind, zu viel Erfahrung haben, überqualifiziert sind, die Leute, die im genau richtigen Alter sind, aber leider sind sie weiblich und haben gerade geheiratet und bekommen bestimmt bald Kinder.

Ute Blindert: Ist auch eine schwere Krankheit immer.

Chris Pyak: Fürchterlich, fürchterlich, ganz fürchterlich.

Ute Blindert: Echt, ganz übel.

Chris Pyak: Leute, die vielleicht um Himmels Willen aus einer anderen Industrie kommen und jetzt hier einen Job haben wollen, die finden in diesem Buch sehr viele gute praktische Strategien, wie sie zu ihrem Traumarbeitgeber durchdringen.

Ute Blindert: Ja. Das heißt du bist sozusagen dann das englischsprachige Pendant zu meinem „Per Netzwerk zum Job“, das sich ja mehr an Berufseinsteiger richtet. 

Chris Pyak: Genau.

Ute Blindert: Was kostet dein Buch?

Chris Pyak: 14,97 Euro. In der gedruckten Version, in der E-Book Version, 9,97 Euro. Es kommt bald eine Neuauflage raus.

*Ivy League: "Die Bezeichnung [...] bezieht sich auf diese Gruppe von acht Universitäten: Brown, Columbia, Cornell, Dartmouth, Harvard, Princeton, Pennsylvania und Yale. Die acht Ivy-League-Universitäten werden als einige der prestigeträchtigsten Universitäten der Welt angesehen, da sie alle unter den besten 20 Universitäten der USA rangieren und sehr selektive Aufnahmequoten, meist im einstelligen Prozentbereich, haben." (Quelle: wikipedia.de)

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