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Ute Blindert

Scheitern ist nicht sexy

von Ute Blindert 30. August 2016
Scheitern ist nicht sexy

Scheitern wird gefeiert. „Fuck up-Nights“ finden mit großen Erfolg auf der ganzen Welt und auch seit ein paar Jahren in Deutschland statt. Endlich gibt es eine neue Kultur des Scheiterns in Deutschland. Das Publikum ergötzt sich – und der Gescheiterte ist der Held.  Oder die Heldin natürlich.

Ach, sch…., das ist doch großer Blödsinn!

Irgendwann, später, nach dem Scheitern, kann es sich auch heldenhaft anfühlen. Dann, wenn wir wieder aufgestanden sind. Dann, wenn wir uns so langsam aus dem Loch herausarbeiten und wieder Licht am Ende des Tunnels sehen. Dazwischen, nein, da ist es nicht sexy zu scheitern.

  • Wenn du an das Sparschwein deiner Kinder gehst, um für die nächste Woche einzukaufen – und du hoffst, dass sie es nicht merken.
  • Wenn du bei der Frage „Wie geht´s dir?“ losheulen könntest, lächelst und sagst: „Super!“
  • Wenn du dich den ganzen Abend an einem Bier festhältst und sagst, dass du – leider – schon zu Hause gegessen hast.

Dann trifft dich dein Scheitern mit aller Macht.

Ever tried.
Ever failed.
No matter.
Try Again.
Fail again.
Fail better.
Samuel Beckett

Beinahe wäre ich gescheitert: 2006 hatte ich mein Unternehmen gegründet, ein Karrieremagazin für Ingenieure mit der entsprechenden Website. Am Anfang lief alles gut, bis die Finanzkrise und dann die Wirtschaftskrise kam: Hochschulmarketing? Wozu, wenn sogar Trainees entlassen werden. Budgets wurden eingefroren, Buchungen storniert, fest zugesagte verschoben.

Ich hätte den Laden dicht machen und mir einen Job suchen müssen. Stattdessen habe ich durchgehalten. Ich bin nicht untergegangen, aber es war verdammt hart. Vielleicht nicht ganz so existenziell, wie es die Bloggerin Christine Finke mal in einem viel gelesenen Beitrag geschrieben hat. Aber auch nicht so weit davon entfernt.

In dem Moment fühlt sich Scheitern heiß und kalt an, schlaflos, einsam.Gleichzeitig versucht du, deinen Kunden, Geschäfts-, Kooperationspartnern eine heile Welt vorzugaukeln:

  • „Und wie geht es bei Ihnen, Frau Blindert?“
  • „Ach, ganz gut eigentlich. Die Kunden sind etwas zögerlich, aber zum Glück gibt es ja doch noch ein paar, die zu uns stehen.“
  • „Na, das ist ja beruhigend.“

Harte Jahre

Es war hart. Und es war auch nicht nach einem Jahr vorbei. Als junges Unternehmen hast du in der Regel noch nicht so viele Rücklagen gebildet, so dass ich eine solche Krise leicht überbrücken lässt. Am Ende brachten ein großer Auftrag, ein paar Kunden, die zu uns hielten und gnadenloses Kostenmanagement die Wende. Heute läuft es, aber dieses Leben kurz vor dem (finanziellen) Abgrund hinterließ Spuren.

Deshalb war ich neugierig und habe mich auf eine Spurensuche begeben. Lag es vielleicht an mir, dass ich fast gescheitert bin? Fehlt mir einfach das Unternehmer-Gen?

Die Beamtendynastie

Ich komme aus einer Beamtendynastie. Meine Eltern waren Lehrer, mein Großvater väterlicherseits Sparkassenfilialleiter, mein anderer Opa Ingenieur beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung. Unternehmerische Entscheidungen und Risiken? Davon hatte ich noch nie gehört. Höchstens mal im Sinne von „Wir wussten immer, dass wir nicht arbeitslos werden konnten. So ein Segen!“ (Mutter).

Als ich mich selbständig machte, war meine Familie sehr skeptisch. Mit ihr konnte ich also kaum sprechen, als ich auf wackligen Füßen stand. Und es mir eigentlich dreckig ging. Ich wahrte das Gesicht. Weniger, weil mir meine Familie nicht geholfen hätte, sondern weil ich nicht in ihren Augen als „gescheitert“ angesehen werden wollte.

Der Uropa aus St. Petersburg

Als es mir längst wieder besser ging, bin ich der Frage des Unternehmertums in meiner Familie noch einmal nachgegangen: Und siehe da! Mein Urgroßvater Max war Unternehmer.

Mit Leib und Seele kann man sagen. Um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert ging er mit seiner Familie nach St. Petersburg und gründete ein Handelsunternehmen. Leider betrug ihn sein Kompagnon, und er ging pleite. Er ließ sich nicht entmutigen und gründete neu. Als er mit seiner Familie Russland nach der Russischen Revolution verlassen musste, steckte er sein gesamtes Vermögen in Briefmarken, die er bei einem Brand verlor.*

Vielleicht sind deshalb alle nachfolgenden Generationen in den Staatsdienst gegangen?

Am Ende seines Lebens stand er vor dem finanziellen Nichts. Das war sicher nicht schön, aber es hat ihn nicht bitter gemacht. Er hat sich in seinem Rahmen eingerichtet und noch lange Jahre in Berlin gelebt.

Mein Vorbild-Unternehmer

Mir haben sein Mut und sein Elan imponiert. Und inspiriert. Vor allem ist mir eines klar geworden: Uropa Max hatte sich optimal schlechte Zeiten ausgesucht. Manches hätte er sicher anders entscheiden können. Aber ob es etwas genützt hätte, kann man heute nicht mehr beurteilen. Er hat es einfach gewagt. Die Zeitläufte standen nicht auf seiner Seite. So wie bei mir die Finanzkrise. Dafür konnte von uns keiner etwas.

Das einzige, was wir selbst in der Hand haben, ist unsere Haltung. 

Für mich heißt das heute: Wenn ich etwas entscheide, versuche ich natürlich abzuwägen. Ich schaue mir Vor- und Nachteile an. Vorhersehen kann ich sowieso nicht alles.

P.S.: Im letzten Jahr bin ich übrigens noch einmal gescheitert: Eine unternehmerische Entscheidung führte zu massiven Einnahmeausfällen und hohen Kosten. Ich war viel besser gewappnet als zu Zeiten der Finanzkrise und auch erfahrener im Umgang mit einer solchen Krise. Anstrengend war es dennoch. Und überhaupt nicht sexy.

Was aber ein gutes Gefühl war: Die Krise hat dazu geführt, dass ich mich vielen Fragen gestellt habe. Und einige gute Lösungen gefunden habe.

Das hatte dann auch wieder was.

* Die Details von Zeiten und Ereignissen in meiner Familie variieren. Da es hier aber eher um die Kerngeschehnisse ging, habe ich auf historische Genauigkeit verzichtet.

Scheitern. Bild: lumamarin/photocase.de

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2016 UTE BLINDERT, KÖLN.

Ute Blindert

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